Landstrom in Hamburg

Landstromanlage Hamburg-Altona

Da war wieder mal ordentlich was los im ehemaligen England-Terminal in Hamburg Altona, und dann sogar noch etwas Maritimes: Landstrom macht’s möglich. In Altona hat jetzt mit 2 Jahren Verspätung etwas Gestalt angenommen, was in der Hafencity und in Steinwerder (noch) nicht geklappt hat: Am Kreuzfahrtterminal Altona können die Dieselgeneratoren der Kreuzfahrtschiffe während der Liegezeit am Kai ausgeschaltet werden.

Es ist die erste Anlage dieser Art in Europa – und in gewisser Weise weltweit. Der aus dem öffentlichen Netz gelieferte Strom von 10 kV/50 Hz wird im Umformergebäude auf die von Kreuzfahrtschiffen benötigte Spannung von 11 kV/60 Hz umgewandelt. In die Umformerstation werden vier Transformatoren und ein Frequenzwandler eingebaut. Für die Nutzung der Landstromanlage ist der Bezug von elektrischer Energie aus erneuerbaren Quellen vorgesehen.

  • Eingangsspannung/-frequenz: 10 kV/50 Hz
  • Ausgangsspannung/-frequenz: – 11 kV/60 Hz und 6,6 kV/60 Hz -10 kV/50 Hz und 6 kV/50 Hz
  • Maximale Leistung: 12 MVA

Das entspricht dem Energiebedarf einer Kleinstadt in der Größe von Lüneburg. Das reicht jedenfalls für die mittelgroßen Kreuzfahrtschiffe, für die der Liegeplatz in Altona vorgesehen ist.

Sowohl die Europäische Union als auch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit förderten die Errichtung der Landstromversorgung mit 3,5 bzw. 3,7 Millionen Euro. Insgesamt kostete die Landstromanlage rund 10 Millionen Euro.

Landstromanlage und Wettbewerb

„Die Landstromversorgung für Kreuzfahrtschiffe fördert die Nachhaltigkeit des Hamburger Hafens. Sie leistet einen Beitrag zur Verringerung der Emissionen von Schiffen. Mit unserem Pilot können wir lernen, wie künftig auch andere Seeschiffe während ihrer Liegezeit mit sauberer Energie versorgt werden können“, sagt Bürgermeister Olaf Scholz.

Damit spricht der Bürgermeister einen wunden Punkt an: Zur Zeit hat nur die AIDAluna einen passenden Stecker. Darum waren neben dem Chef der HPA (Hamburg Port Authority; Hafenverwaltung) Jens Meier, auch die Direktorin für Umwelt und Gesellschaft bei AIDA Cruises. Monika Griefahn anwesend:

„AIDA Cruises ist schon heute auf alle derzeit verfügbaren Möglichkeiten zur emissionsarmen Energieversorgung im Hafen vorbereitet. Wir freuen uns, dass AIDAsol als erstes Kreuzfahrtschiff über die Landstromanlage in Altona mit Strom versorgt werden wird. Dies ist ein wichtiger Beitrag zum Aufbau der Infrastruktur für einen emissionsarmen Schiffsbetrieb und neben der Nutzung von LNG eine weitere wichtige Alternative, um die Emissionen während der Liegezeiten zu reduzieren“

Statement von Jens Meier:

„Wir freuen uns, diese in ihrer Dimensionierung bisher in Europa einzigartige Landstromanlage heute einzuweihen. Bereits Anfang Dezember 2015 konnten wir die Lasttests der Anlage unter Volllast erfolgreich durchführen. Nun ist mit der AIDAsol auch der Praxistest erfolgt. Künftig wird es nur wenige Minuten dauern bis die externe Stromversorgung dank des automatisierten Zuführungssystems der Anlage steht und die Kreuzfahrtschiffe während ihrer Liegezeit in Altona nahezu alle Motoren ausstellen können. Das reduziert nicht nur den Ausstoß von Luftschadstoffen, wie Stick- und Schwefeloxiden und Feinstaub, sowie auch Kohlendioxid, sondern senkt zudem die Schallemissionen. Gerade hier am Cruise Center Altona, an dem die Wohnbebauung sehr nah ist, bedeutet das einen Gewinn für die Anwohner, aber natürlich auch für Besatzung und Passagiere.“

Die Bereitschaft anderer Reedereien zum Nachrüsten ihrer Schiffe wird entscheidend davon abhängen, ob sich die Investition auszahlt. Derzeit ist der Strom von Land teurer als der Strom aus den eigenen Generatoren.

Update 20. Juni 2016: „Die HPA belohnt umweltfreundliche Schiffe über Rabatte im Hafengeld (über den „Environmental Ship Index“ (ESI) oder den „Hafenstrom-Rabatt“), wenn diese Landstrom aus regenerativen Quellen beziehen. So sollen für die Reedereien Anreize gesetzt werden, in umweltfreundliche Technologien zu investieren.“ (Antwort von der HPA)

Vor dem Hintergrund steigender Schiffsanlaufzahlen hatten Senat und Bürgerschaft in der vergangenen Legislaturperiode die Hamburg Port Authority (HPA) mit dem Bau einer Landstromanlage am Kreuzfahrtterminal Altona und der Infrastruktur für die landseitige Stromversorgung von Kreuzfahrtschiffen durch eine LNG Power Barge am Kreuzfahrtterminal HafenCity beauftragt.

Der Bau der Landstromanlage in Altona ist zudem eines der Teilziele der Initiative smartPORT energy, welche die HPA im Jahr 2012 gemeinsam mit der damaligen Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) sowie der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation (BWVI) initiiert hatte. Erklärtes Ziel ist die energetische Neuausrichtung des Hamburger Hafens.

Wer Landstrom zahlt, darf reden

Darum trat auch die Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Barbara Hendricks, ans Pult. Wer jemals den Auftritt von Heinz Rühmann als Prof. Crey gesehen hat, empfand den Vortrag der Ministerin als Realsatire. Da sprach jemand, der nichts, aber auch wirklich nichts von dem verstand, wovon er redete. Ein Blick auf die Vita offenbart dann eine Erklärung und eine Überraschung. Die Überraschung: mit einem Text zur Entwicklung der Margarineindustrie am unteren Niederrhein kann man einen Doktorgrad der Philosophie erlangen. Vielleicht hätte Barbara Hendricks mit einem Blick auf die Entwicklung der Margarineindustrie am oberen Niederrhein sogar habilitieren können. Und die Erklärung: Barbara Hendricks ist tatsächlich nicht Fachwissen belastet. Aber Kenntnisse von Margarine und anderen Schmierstoffen qualifizieren in der Politik für wahrscheinlich jedes Amt.

Wissen Sie was INEA CEF bedeutet? Bis zur Eröffnung der Landstromanlage wusste das vermutlich keiner der Anwesenden: Es handelt sich um die Innovation and Networks Executive Agency (Connecting Europe Facility). Die Webseite ist in allen relevanten Sprachen der EU verfügbar (also nur in Englisch). Der Leiter der monströsen Agentur heißt Andreas Boschen und hat außer einem Eintrag im WhoisWho in der EU bisher im Internet keine Eindrücke hinterlassen.

Barbara Hendricks bei der Einweihung der Landstromeinrichtung in Hamburg Altona

Barbara Hendricks bei der Einweihung der Landstromeinrichtung in Hamburg Altona

Andreas-Boschen bei der Einweihung der Landstromeinrichtung

Andreas Boschen bei der Einweihung der Landstromeinrichtung

Er trug seinen Beitrag so vor, als wollte er alle Vorurteile gegenüber dem EU-Paralleluniversum in Brüssel bestätigen: Die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick auf einen imaginären Punkt zwischen Schnittchen und Journalisten fixiert, vermittelte Andreas Boschen den Eindruck: Hamburg oder wo ich gerade bin, ist eine tolle Stadt und Ihr seid mir alle herzlich egal. Der Beitrag war eine sinnbefreite Aneinanderreihung von Worthülsen (Ein Satz ohne „Innovation“ ist kein Satz!), mit der sich womöglich Unterausschüsse der Innovation and Networks Executive Agency (Connecting Europe Facility in bedeutungsschwangeren Beratungs- und Regulierungs-Trance meditieren. Barbara Hendricks jedenfalls und Olaf Scholz, die beide neben Andreas Boschen auf dem Podium standen (und von ihm wie die anderen Teilnehmer ignoriert wurden) begannen jedenfalls nach wenigen Sätzen zu tuscheln und zu lachen.

Bei der Eröffnung der Landstromeinrichtung in Hamburg Altona präsentieren die Beteiligten den Stecker.

Bei der Eröffnung der Landstromeinrichtung in Hamburg Altona präsentieren die Beteiligten den Stecker.

Zum Schluss der Feier durften die Beteiligten zeigen, dass sie alle an einem Strang ziehen. Die Veranstalter hatten ein Modell der Anlage und ein Stück Kabel mit Stecker bereitgestellt. Mit einem Ausdruck von Stolz und Seligkeit blickten der Bürgermeister und der Chef der HPA, Jens Meier, zu dem kleinen Roboterarm, der draußen am Kai die AIDAsol mit dem Landstrom verband.

Landstromeinrichtung Hamburg Altona Die Übergabevorrichtung ist beweglich und ähnelt einem Roboterarm.

Landstromeinrichtung Hamburg Altona Die Übergabevorrichtung ist beweglich und ähnelt einem Roboterarm.

 

 

 

Landstrom Alles nur ein ein Fake?

Mit einigen Zweifeln und dem Gefühl, hinter die Fichte geführt zu sein, stellte der Beobachter fest, dass kurz nach Ende der Feierlichkeiten der Roboterarm flehend gen Himmel ragte: Ob da wirklich überhaupt Strom geflossen ist? Man weiß es nicht.

Update 20. Juni 2016: Stellungnahme dere HPA auf meine Frage, ob das alles nur eine Komödie war:

„Die Landstromanlage ist ein einzigartiges Pilotprojekt. Bei der schrittweisen Stromübergabe ans Schiff haben die Sicherheit und die Gewährleistung eines reibungslosen Schiffsbetriebs höchste Priorität. Daher hat schon am 30.05. eine erste Stromübergabe stattgefunden, zur Sicherheit sind die Schiffsmaschinen mitgelaufen, da die Tests noch andauern. Dies ist eine Vorsichtsmaßnahme gewesen und bei Pilotprojekten wie diesem nichts Ungewöhnliches. Am 03.06. wurden planmäßig vor allem Tests für die Schutzabschaltungen im Störfall durchgeführt, so dass nur Leistung für diese Zwecke übertragen wurde.“

Na gut: ein bisschen Strom

Landstrom und Symbolpolitik

Feinstaub und Stickoxide, die beiden Totengräber der Volksgesundheit, sollen mit dem Landstrom aus der Hafenrealität verbannt werden.

Gibt es eigentlich einen Zusammenhang zwischen der Zunahme der Kreuzfahrtanläufe und den typischen Erkrankungen wie Asthma? Nun, das Statistische Bundesamt kennt die Zahlen der letzten 16 Jahre*. In dieser Zeit haben sich die Anzahl der Kreuzfahrtanläufe in Hamburg vervielfacht. Von den Containerfrachtern und den Dieselfahrzeugen soll hier mal gar nicht die Rede sein.

Die Auswirkung auf die Asthma-Fälle? Minus 36%

Gibt es etwa gar keinen Zusammenhang zwischen den vielen Kreuzfahrtanläufen und gefährlichen Krankheiten?

Doch: die Zahl derjenigen, die aufgrund von Übergewicht und Fettleibigkeit unter Atembeschwerden leiden, hat sich in den letzten 16 Jahren fast verzehnfacht.

*Diagnosedaten der Krankenhäuser ab 2000