Hummelsbütteler Feldmark

Danke! Danke! 5447 Stimmen! Die Initiatoren zur Erhalt der Hummelsbütteler Feldmark kriegen sich gar nicht wieder ein. Wofür die Stimmen abgegeben wurden, wird kaum ein Bürger verstanden haben. Außer: wir wollen hier keine anderen Leute haben!

Tatsächlich war die Abstimmung von taktischen Überlegungen getragen. Die Bezirk Nord hatte das Bürgerbegehren „Hamburg-Nord für gute Integration“ für unzulässig erklärt:

Das Bezirksamt ist nach gründlicher Prüfung zu dem Ergebnis gekommen, dass das in Hamburg-Nord angemeldete Bürgerbegehren unzulässig ist. Das Bürgerbegehren verstößt gegen Senatsbeschlüsse.

Das am 05. April 2016 angezeigte Bürgerbegehren hat die Wirkung eines Beschlusses der Bezirksversammlung (§§ 32 Absatz 11 Bezirksverwaltungsgesetz (BezVG), 11 Absatz 1 Bezirksabstimmungsdurchführungsgesetz (BezAbstDurchfG) und darf deshalb nicht den Entscheidungen des Senats entgegenstehen (§§ 4 Abs. 2, 11 Abs. 1 BezAbstDurchfG  i.V.m. § 21 BezVG. Das Bürgerbegehren ist folglich dann unzulässig, wenn die Bezirksversammlung zwar kompetenzrechtlich einen das Bezirksamt bindenden Beschluss fassen kann, das Bezirksamt aber inhaltlich wegen der entgegenstehenden Senatsvorgabe dem Bürgerbegehren nicht mehr Folge leisten kann.

Die Bezugnahme auf die Ziele der Volksinitiative „Hamburg für gute Integration“ durch das Bürgerbegehren würde dazu führen, dass keine Wohnungsbauvorhaben mehr genehmigt werden dürften, in denen mehr als 300 Flüchtlinge untergebracht werden. Durch mehrere Senatsbeschlüsse ist aber den Bezirksämtern aufgegeben, bis Ende 2016 5.600 Wohnungen in auch deutlich größeren Einheiten als 300 Flüchtlinge pro Wohnungsbauvorhaben zu ermöglichen.

Der Senat hat zudem die Bezirksämter angewiesen, die angestrebte Entwicklung der Flächen für Unterkünfte zu unterstützen und zu fördern und etwa erforderliche Entscheidungen im Rahmen einer ordnungsgemäßen Abwägung bzw. Ermessensausübung zugunsten der zügigen Errichtung von Wohnungen zu treffen. Auch dieser Weisung steht das Bürgerbegehren entgegen, da auch sie auf Ermessensentscheidungen abzielt und eine Lenkung dieser Entscheidungen gerade nicht zugunsten der Unterkünfte erstrebt.

Für die Abstimmenden ist zudem nicht ohne weiteres erkennbar, für oder gegen was sie stimmen und was die Auswirkungen und wesentlichen Vor- und Nachteile des Bürgerbegehrens sind. Insofern ist auch der Grundsatz der Abstimmungsfreiheit verletzt.

(Pressemitteilung des Hamburger Senats)

Hummelsbütteler Feldmark in Gefahr?

Die Unterschriftensammlung des Vereins „Rettet die Feldmark“ soll bewirken

dass bis zur Durchführung des Volksentscheides … seitens der Verwaltung keine gegenläufigen Maßnahmen oder Entscheidungen getroffen bzw. vollzogen werden. Da ein laufendes Volksabstimmungsverfahren keine Sperrwirkung entfaltet, ist die parallele Durchführung des Bürgerbegehrens erforderlich, um zu vermeiden, dass der Freien und Hansestadt Hamburg im Falle der erfolgreichen Durchführung des Volksentscheides Rückbaukosten und/oder Schadensersatzforderungen zur Last fallen. Im Ergebnis zielt das Bürgerbegehren auf ein Moratorium, um das Volksgesetzgebungsverfahren in geordneten Bahnen durchführen zu können.

Ist das nicht rührend: die Initiative will die Stadt vor Schadenersatzansprüchen bewahren – und sorgt gleichzeitig dafür, dass teure Investitionen brach liegen und vergammeln. Aber vielleicht war das ja Satire. Und die darf alles – auch doof sein oder den Leser dafür halten.

Das Hooligan-Prinzip

Knapp 5.000 Stimmen reichen aus, um wichtige Entscheidungen zu verhindern, reichen aus, um die menschenwürdige Unterbringung einer großen Anzahl von Asylbewerbern zu verhindern. Das ist gelebte Demokratie? Das ist der Sieg des Gartenzauns über das Gesamtinteresse. Weniger als 2% der Wahlberechtigten Bürger spielen das Volk! Was haben die Gesetzgeber geraucht, als sie diese niedrigen Schwellen festlegten?

Es ist wie im Stadion: die 300 Besucher, deren Interesse in Randale, Lärm und Pyrotechnik besteht, bestimmen das Erscheinungsbild von 50.000 anderen Besuchern. Ein paar wenige Leute drücken der Mehrheit ihren Willen auf.

Hummelsbütteler Feldmark Das Hooligan-Prinzip: Lautstark vernebeln

Hummelsbütteler Feldmark Das Hooligan-Prinzip: Lautstark vernebeln

Es ist hohe Zeit, dass die Argumente der Gegner von Asylbewerberunterkünften aufgearbeitet und auf ihren Kern zurückgeführt werden.

Das ominöse Gutachten

Immerhin muss man dem Vereins zur Erhaltung der Hummelsbütteler Feldmark zugute halten, dass da jemand das GutachtenStadtklimatische Bestandsaufnahme und Bewertung für das Landschaftsprogramm Klimaanalyse und Klimawandelszenario 2050“ zur Hand genommen hat. Das Gutachten selber ist fast 10 Jahre alt. Es beschäftigt sich mit dem Hamburger Stadtpark, nicht etwa mit der Hummelsbütteler Feldmark. Das Gutachten behandelt zwar das Stichwort „Kaltluftbahnen“ und „Trittsteine“ ,auf denen die kalte Luft in die Stadt gleichsam hüpfen soll. Aber die Ausführungen dazu werde ich erst ab November erörtern: dann beginnt der Karneval.

Aber beim Ausweiden des Gutachtens wurde kräftig aus dem Zusammenhang gerissen und falsch zitiert. Hanebüchen reißerisch der Aufmacher

Hamburgs Klimaszenario 2050 – die Feldmark als Katastrophenvorsorge

Ein paar Worte zu dem Gutachten:

Einleitend stellen die Autoren ihr Klimamodell vor. Grundlage sind klimatischen Gegebenheiten kleinster Flächen von 50×50 Metern. Natürlich liegen aber nur Daten für Flächen vor, die um Faktor 100 größer sind. Darum greifen die Autoren, die im Auftrag von „LP2“ (gemeint ist LP22-schon peinlich, wenn man nicht weiß, wer die Rechnung für das Gutachten bezahlt) geforscht haben, auf das Klimamodell FITNAH zurück. Das heißt in lang: Flow over irregular terrain with natural and anthropogenic heat souces und bedeutet vereinfacht gesagt: Interpolation, Herunterrechnen, Raten.

Das Gutachten selber bezieht sich auf den Stadtpark. Der wird nach allen Regeln der Klimastatistik analysiert. Es ist kein böser Wille oder fehlender Respekt vor den Autoren der Studie, wenn man das Gutachten in die Schublade „Gaga-Gutachten“ legt. Beispiel:

Der Tagesgang der Lufttemperatur ist direkt an die Strahlungsbilanz eines Standortes gekoppelt und zeigt daher in der Regel einen ausgeprägten Abfall während der Abend- und Nachtstunden. Dieser erreicht kurz vor Sonnenaufgang des nächsten Tages ein Maximum.

Oha, diese Erkenntnis muss man erst mal verdauen. Ehrlich: Wer hätte das gedacht? Nachts ist es dunkler und kühler als am Tag! Chapeau! Generationen von Forschern würden ihre Großmutter verkaufen, ließe ihnen die Wissenschaftsmuse eine solche bahnbrechende Erkenntnis aus der Feder fließen. Ob es zum Nobelpreis reicht?

Eher nicht: der zweite Satz lässt dann doch Schwächen erkennen: Wer oder was erreicht am Morgen ein Maximum? Der Tagesgang? Der Standort? Der Abfall? Der Forscher? Es ist nicht der einzige Klops in dem Gutachten.

Zum Beispiel spricht das Gutachten durchgängig von „kaltluftproduzierenden Grünflächen“. Das ist gaga: Wiesen, Äcker und Bäume produzieren keine kalte Luft. Sie speichern bestenfalls weniger Sonnenenrgie als bebaute Flächen und kühlen darum schneller ab, wenn kalte Luft aus dem Umland einströmt oder die Wolkendecke aufreißt. Aber sie erzeugen, sofern da nicht jemand einen Wärmetauscher oder Kühlaggregat im Maulwurfhaufen versteckt hat, keine kalte Luft. Nein, wirklich: sie erzeugen keine kalte Luft.

Nachfragen versucht das Büro „GEO-NET Umweltconsulting GmbH“, das das Gutachten erstellt hat, aus dem Weg zu gehen. Die Forscher beziehen sich auf den Weltklimarat Dessen Mantra sind menschengemacht steigende Temperaturen. Das kennt man, Rückfragen sind nicht zu erwarten.

Die Messwerte von Temperaturen und anderen Klimadaten sind  äußert kreativ und zielgerichtet dargestellt und ausgewertet werden. Im wesentlichen stützen sich die Gutachter auf die Daten der Messstelle in Hamburg Fuhlsbüttel, Die liegen seit 1890 vor.

Aufgetragen wird die Anzahl von Sommer- und Hitzetagen in Hamburg. Also Tage, auf die die Hamburger und ihre Gäste immer sehnsüchtig warten: warm, wolkenlos, laue Lüfte.

Quer rüber geht die Linie des linearen Mittels. Natürlich ansteigend.

In dem Diagramm fehlt allerdings die Anzahl von Tagen mit dem typischen Hamburger Sommerwetter: niedrige Temperaturen, stürmische Winde und Regen. Wie pflegte unser Statistikdozent doch zu berichten:

Durch geschicktes Ausklammern und Division durch Null erzielt man beliebige Ergebnisse.

Es wäre Wissenschaft redlicher gewesen, nicht nur die Zahl der warmen Tage zu zählen, sondern auch die kalten und verregneten.

Die Bewertung der Statistik durch den Gutachter, lässt Fragen offen: zum Beispiel wie er zu der Einschätzung kommt, die durchschnittliche Anzahl von Sommertagen in Hamburg habe sich verdoppelt. Abgesehen davon, dass solche Tage den Hamburger zwar Schweiß, aber keinen Angstschweiß auf die Stirn treibt, konnte ich die Aussage in Stichproben nicht bestätigen. Augenscheinlich ist das Ziel wichtiger als der Weg.

Und weil der lang ist, nimmt die Studie eine Abkürzung mit einem halsbrecherischen Sprung:

Auf der Seite 70 oben stellt das Gutachten noch fest, dass es in Hamburg im Messzeitraum nur alle 2 Jahre eine Tropennacht (die Temperatur sinkt nachts nicht unter 20 Grad) gegeben hat. So weit so gut, so kalt

In einer Tabelle im nächsten Absatz, zaubern die Autoren die Anzahl der Tropennächte für die Jahre 2046-2055 aus dem Hut und bespiegeln „Tropentage“. Meint der Begriff die Hitzetage? Oder soll durch die begriffliche Nähe von Tropentagen/Hitzetagen die Ergebnisse dramatisieren? 2050 erwarten die Gutachter rund 35% mehr Sommertage mit Temperaturen von mehr als 24 Grad. Ehrlich, damit kann ich leben.

Alle Aussagen des Gutachten bleiben ohne Substanz, weil sie sich ausschließlich auf den Vorhersagen des Weltklimarates (IPCC) beziehen. Man kann das glauben oder nicht.

Schau’n wir mal. Die Welt im Allgemeinen und Deutschland im besonderen hat in den vergangenen 2.500 Jahren bedeutend wärmere Phasen des Weltklimas gut durchgestanden – und alle sind heute noch dankbar, dass im Zuge einer weltweiten Erwärmung die blöden Gletscher abgetaut sind, die uns am Ackerbau gehindert haben.

Die Klimaachse

Auf der Homepage und auf Flyern verwendet die Initiative gerne dieses Bild.

Die Hummelsbütteler Feldmark auf dem Plakat der Bürgerinitiative.

Die Hummelsbütteler Feldmark auf dem Plakat der Bürgerinitiative.

Es zeigt ein sympathisches grünes Polygon, das von dekorativen gelben Linien begrenzt und gegliedert wird. Fast mittig weist ein blauer, gestrichelter Pfeil auf den Ring 3. Seinen Ausgang nimmt der Pfeil von einem Quadrat, das unterhalb eines roten Polygons“. Es ist so klein, dass es die Worte „Bis zu 604 Wohneinheiten“ nicht fassen kann. Rechts von der Spitze des blauen Pfeils gibt es ein korrespondierendes rotes Polygon. Es ist mit den Worten „392 Wohneinheiten“ beschriftet.

Als Landschaftsachse stellt sie auch einen Luftkorridor dar, der Frisch- und Kaltluft in die Innenstadt Hamburgs führt.

Und der geplante Wohnungsbau würde diesen Luftkorridor verbauen. Das Ende ist nah, wir werden alle ersticken.

Tatsächlich werden hier Bürger hinter die Fichte geführt. Das Original der Grafik finden Sie hier. Es zeigt den Baustufenplan Hummelsbüttel aus dem Jahr 1955. Man kann das PDF vergrößern. Wer Roßtäuscherm auf die Schliche kommen will, muss tätig werden: Vergleichen Sie mal die Situation im Wakendorfer Weg mit der Situation heute. Sie können das gleich auch mit der Bebauung am Tegelsbarg machen. Das Mantra der „Klimaachse“ ist schon seit 40 Jahren verstummt.

Die Initiative folgt mit ihrer Grafik dem Prinzip des Gutachtens zum Stadtklima. Sie blendet Sachverhalte aus und macht die Grafik passend. Der Korridor erscheint als Düse*, die von dem nördlichen Bauvorhaben für die Asylbewerberunterkünfte verstopft wird. Der Müllberg, Hamburg höchste Erhebung im Norden, wirkt wie abgeschnitten, Die Flächen links und rechts bleiben seltsam unbestimmt.

Hummelsbütteler Feldmark Hochhäuser und Gewerbegebiete in Norderstedt

Hummelsbütteler Feldmark Hochhäuser und Gewerbegebiete in Norderstedt (Bild: Google Earth)

Darum hier ein paar Anmerkungen. Der Korridor ist nicht der Pfeil, sondern das grüne Polygon. Und da ist der Müllberg seit 40 Jahren im Weg. Ein Anstieg von Erstickungstoten ist in der Zeit nicht berichtet worden. Es mag sein, dass die Hummelsbütteler Feldmark schon von den Nazis als Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde („Es war nicht alles schlecht“) Aber seit dem hat sich einiges verändert: Im Osten wurden Tausende Wohnungen im Gebiet „Tegelsbarg“ gebaut. Im Westen entstanden in den letzten 6 Jahren hunderte Wohneinheiten in Reihen- und Mietwohnungen. Viele Bürger, die gegen die Bauvorhaben sind, werden in den Häusern wohnen, mit denen der Korridor Schritt für Schritt zugebaut wurde.

Die Bilder von Google Earth verdeutlichen diese Anmerkungen. Deutlich zu erkennen sind die Neubauten im Westen, wo sich die Neubauten wie ein Krebsgeschwür in den Korridor hinein fressen.

Mitten im Süden der Feldmark hat eine Muckibude (Aspria) unter anderem eine 18m hohe Schwimmhalle errichtet und 2ha Fläche mit Parkplätzen versiegelt. Im Norden wird der Korridor schon auf Norderstedter Gebiet von 18stöckigen Hochhäusern, Industrieanlagen und Tennisplätzen verstellt und beeinträchtigt.

Aber die Folgeunterkünfte für Asylbewerber rauben uns den Atem?– augenscheinlich rauben sie einigen Anwohnern zuvörderst nur den Verstand.

*_ Zum Düseneffekt kann man in dem Gutachten auch etwas lesen.