Gesinnungsgastronomie

Gesinnung statt Gastronomie

Das Nobelrestaurant „Nobelhart & Schmutzig“ in Berlin verbietet der „AfD“ den Zutritt.

Was ist das denn für eine Nummer?

Es das ein politisches Bekenntnis? Oder nur dumm? Oder will man sich beim Publikum einschleimen?

Nähern wir uns dem Thema unproblematisch semantisch:

Restaurant

Nobelhart & Schmutzig ist ein besonderes Restaurant, oder ist es gar kein Restaurant?

Restaurants sind Örtlichkeiten, in denen Speisen und Getränke angeboten und verzehrt werden. Sie bieten eine Auswahl an Gerichten an und haben separate Tische oder Räume für ihre Gäste. Wir legen diese Definition erstmal auf die Seite und wenden uns dem „Nobel“ zu.

Nobel

Nobel? Was ist das? Schauen wir doch mal nach: „Reich und zugleich vornehm“, „exklusiv“, „fein“, „kultiviert“, das Gegenteil von „kleinlich“ und „grob“.

Das Restaurant „Nobelhart & Schmutzig“ behauptet von sich durchaus nicht, „nobel“ zu sein. Es behauptet nicht einmal, ein Restaurant zu sein. Es nennt sich lieber „Speiselokal“ und siedelt sich so in der Liga vom „Schweinske“ an. Allerdings verspricht Nobelhart & Schmutzig dem Gast ein „Restauranterlebnis“. Nicht der einzige Widerspruch in dem wirren Internetauftritt von Nobelhart & Schmutzig. Per definitionem ist Nobelhart & Schmutzig tatsächlich kein Restaurant: es bietet nämlich keine Auswahl an Speisen und keine separate Tische.

Die Chef des Restaurants Billy Wagner, von Haus Weintrinker mit einer Scheu, Wasserkisten zu schleppen (Facebook-Statement), katapultiert sein Etablissement dennoch – mit deutlicher Betonung von „exklusiv“ – mit einem einfachen Rezept in die Liga der Nobelrestaurants.

Das Rezept lautet: behandle deine Kunden wie Dummköpfe und lass’ sie dafür ordentlich zahlen. Vorbild war vielleicht Apple, wo man mit der Hinwendung zu überhöhten Preisen und der Ausrichtung an ein unwissendes und entmündigtes, aber zahlungsbereites Publikum höchst erfolgreich durchschnittliche EDV in geklautem Design vertickt.

Anders als Apple verknappt „Nobelhart & Schmutzig“ allerdings das Angebot. Um die 30 Gäste finden Platz. Und anders als in vielen anderen Stätten kultivierter Atzung steht nicht der Gast im Mittelpunkt, sondern seine Brieftasche und das Restaurant.

Personalliste und Lieferanten statt Speisekarte

Jeder Koch, der etwas auf sich hält, übt sich bei der Gestaltung seiner Speisekarte in Gastroprosa. Der Gast bekommt eine Vorstellung, was ihn erwartet, was der Koch kann, wie ambitioniert die Küche die eigenen gastronomischen Vorstellungen formuliert und in die Realität von Teller und Schüssel umsetzt. Aber Nobelhart & Schmutzig ist, wie bereits angedeutet, anderen Werten verpflichtet.

Ausführlich wird in der Speisekarte das „Team“ vorgestellt. Ob in der Liste auch der Steuerberater enthalten ist? Haben die Menschen eine Funktion? Das Versagen des Gemüseputzers ist schwerwiegender als der Patzer des Kochs („Das ist nicht versalzen, das gehört so!“).

Aber alle diese Fragen sind vergessen, dringen Zeilen wie diese in das Bewusstsein des Besuchers. Der erwartungsfrohe Gast versinkt in ekstatischer Vorfreude:

Aal / Rotkohl Domäne Dahlem

Die Domäne Dahlem ist ein “Freilandmuseum für Agrar- und Ernährungskultur”. Ist der Aal vielleicht schon äh älter? Oder kommt der Rotkohl (klar: Kreuzberg) aus einer Konserve, die bei archäologischen Ausgrabungen aus dem Berliner Morast freigelegt wurde? Fragen über Fragen.

In fiebriger Begierde ordert sich der Gast jetzt vielleicht ein Bier und ahnt bei einem Flaschenpreis von knapp 40,00 Euro die zweite Bedeutung von Nobel: So hieß eine Goldmünze aus dem 14. Jahrhundert, mit der König Edward III von England seine siegreiche Flotte feierte.

Die Gäste sitzen um die Küche herum – aus meiner Sicht ein hygienischen Sakrileg: Gäste mit ihren Schuppenflechten, Würfelhusten und Schnoddernasen haben in der Küche nichts zu suchen.

Kreuzberger Gesinnungsgastronomie

Nun gut, man könnte diese merkwürdige Mensa als ein notwendiges Begleitmoment von steigenden Einkommen ansehen: irgendwie muss man ja sein Geld standesgemäß unter die Leute bringen. Standesgemäß misst sich hier am Ort des Geschehens: Kreuzberg. Man hält sich hier für „links“. Darum muss der fette pekunäre Abfluss dort vonstatten gehen, wo der elaborierte, gut verdienende und ideologisch gefestigte Gast ein Refugium proletarischer Lebensweise verortet.

Also einfach und ein bisschen schmuddelig, aber doch so, dass man sich darin sehen lassen und davon im Freundeskreis oder Facebook berichten kann. Politisch korrekt steht darum das Kollektiv im Vordergrund, und man verzichtet man auf Einzeltische.

So weit, so gut, so schräg, so banal und egal. In jeder Stadt gibt es solche merkwürdigen Örtlichkeiten.

PEGIDA ja, AfD nein?

Aber es gibt etwas, was politisch nicht korrekt, sondern verlogen ist: Während Hunde, NPD-Mitglieder und auch gerne PEGIDA-Anhänger unangefochten in der Gaststube willkommen sind (der Hund kann zudem das bakterielle Klima in der Küche bereichern), will das „Team“ keine „AfD“ bekochen, nicht mal mit antikem Aal an napoleonischem Rotkohl.

NOAfD-Aufkleber im Berliner Nobelrestaurant "Nobelhart und Schmutzig"

Quelle: Facebook Seite “Nobelhart & Schmutzig”

Wie erkennt man nun „AfD“: sind Wähler gemeint oder Mitglieder, oder reicht ein Stammtischbekenntnis, und woher weiß man das im Nobelhart & Schmutzig? Gibt es Türsteher, der einen Gesinnungstest durchführen? „Sag, Genosse, wie hältst du es mit Curry, Pfeffer und Zitrone?“ Richtige Antwort: „Iiiieeeehhh, mit diesen undeutschen Zutaten wollen die Bimbos unsere urdeutsche Esskultur ruinieren.“

Jeder halbwegs dumpfe Rechtsausleger würde sich hier mit Wonne suhlen. Lesen Sie selbst das Bekenntnis zur urdeutschen Küche, patriotisch und frei – auch von Geschmack und politischem Anstand:

Wir nennen unsere Küche „brutal lokal“. Folglich gibt es bei uns keinen Pfeffer oder Zimt, keine Zitronen, Vanille, keine Schokolade und erst recht keinen Thunfisch.

Das hindert die Macher von Nobelhart & Schmutzig nicht daran, die brutal lokale Internetadresse .berlin zu verschmähen und die Imperialistenbrause Kola und -Oh weh!- Zitronenbrause darzureichen! Auch verschiedene vergorene Beerensäfte, vulgo Wein, werden kredenzt, die ganz gewiss nicht „brutal lokal“ sind.

Es ist nichts stimmig an dieser Stätte der Einkehr! Das Restaurant-Erlebnis von Nobelhart & Schmutzig erweist sich als politische Selbstbefriedigung in Form einer Gesinnungsgastronomie.

X für ein +

Als Adresse gibt Nobelhart und Schmutzig übrigens „Berlin Xberg an. Selbst dieses Wortspiel vermasselt Nobelhart & Schmutzig. Das Speiselokal mit dem besonderen Restaurant-Erlebnis liegt nicht in Ixberg sondern in Kreuzberg, also, wenn schon ein Kasper in die Adresse soll, dann doch bitte „Berlin-+berg“.